Nun ist es am Ende doch überraschend beschlossen. Großbritannien tritt aus der EU aus. Entgegen der Wettquoten der Buchmacher, die gestern noch mit über 80% einen Verbleib in der EU anzeigten und auch entgegen der Erwartungen der Marktakteure haben sich rund 52% der Briten gegen die weitere Mitgliedschaft in der Europäischen Union entschieden. Die langfristigen Auswirkungen dieser Entscheidung werden erst nach einem mehrjährigen Verhandlungsmarathon richtig zu beurteilen sein. Die direkte Auswirkung ist an der Entwicklung der Wechselkursen beim Pfund, dem US-Dollar und Japanischen Yen sowie an den globalen Börsen ersichtlich. Der Dax eröffnete nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse mit knapp -11% und erholte sich im Tagesverlauf auf -6%. Damit bewegen wir uns auf dem Niveau von vor zwei Wochen, als die Märkte bereits einen Brexit anfingen einzupreisen. Ein Aktiencrash ist das erstmal nicht. Bleibt abzuwarten, wie die amerikanischen Investoren agieren bzw. wieviel Kapital diese aus Europa abziehen werden. Aus diesem Grund ist der US-Dollar gegenüber EUR fest. Die Risikoaversion der Investoren nahm zu, sichere Staatsanleihen und Gold wurden gesucht. Es ist aber mehr als wahrscheinlich, dass die großen Zentralbanken ihre Ankündigungen wahrmachen und über den Zins oder den Währungsmarkt intervenieren werden, um Schlimmeres zu verhindern. Eine Intervention der Zentralbanken mag kurzfristig Entlastung bringen, wird aber die strukturellen Wolken über Europa kaum vertreiben können.

Der Brexit ist aber kein Weltuntergang, schon gar nicht international betrachtet. Er schwächt die globale Stellung Europas aus wirtschaftlicher Sicht und umso stärker natürlich Großbritanniens Positionierung. Insbesondere wenn man einen Blick auf die Leistungsbilanz wirft, die mit einer deutlich höheren Import- als Exportposition bei einem Pfund auf 30-Jahrestief Einfuhren besonders verteuert. Die Briten werden in mindestens 2 Jahre (vorgegeben laut Artikel 50; Fristverlängerung aber im gegenseitigen Einvernehmen möglich) andauernde und sicherlich harte Verhandlungen mit der EU eintreten müssen, da sonst die Gefahr weiterer EU-Ausstiege geschürt und das Konstrukt Europa zu stark unter Druck gebracht würde. Zu unbeweglich darf sich die EU aber auch nicht zeigen, da sie den Nicht-EU-Ländern Norwegen, Island und Liechtenstein einen Zutritt zum EU-Binnenmarkt gegen Zahlungen an die EU bereits gewährt und es somit vergleichbare Fälle gibt.

Die Commerzbank hat in Ihrer CIO/Investmentstrategie vom 24. Juni einen interessanten Vergleich zur EWS Krise 1992 gezogen: Diesen Auszug finden Sie nachfolgend:

„Im September 1992 kam das Pfund innerhalb des Europäischen Währungssystems (EWS) immer stärker unter Druck, weshalb die britische Regierung am 16. September 1992 entschied, das EWS zu verlassen. In der Folge wertete das Pfund gegenüber dem US-Dollar um knapp 30% ab. Das zuvor (wie auch heute) beträchtliche britische Leistungsbilanzdefizit verringerte sich rasant. Die Auswirkungen dieses Schocks auf die Konjunktur hielten sich allerdings in Grenzen. Vielmehr setzte die britische Wirtschaft ihre kurz zuvor begonnene Erholung von einer zweijährigen konjunkturellen Schwächephase mit unverändertem Tempo fort, auch weil beim privaten Verbrauch die deutliche Verteuerung der Importe kaum Spuren hinterließ. Eine rasante Abwertung des Pfund und eine dadurch ausgelöste schnelle Verringerung des auch heute beträchtlichen britischen Leistungsbilanzdefizits muss also nicht unbedingt eine Rezession in Großbritannien auslösen. Die aktuelle Unsicherheit über das zukünftige Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU kann Investitionen im UK aber vorerst erheblich einbremsen.“

Dennoch sollte sich die Situation auf Sicht beruhigen. In ein paar Wochen rücken die Verhandlungen in den Hintergrund und an den Börsen wird wieder „Business as usual“ gespielt. Selektive Zukäufe können auf diesen Bewertungsniveaus durchaus Sinn machen, da die aktuellen Cash-Quoten der der institutionellen Investoren sich auf einem Rekordhoch befinden und in der nächsten Zeit sicherlich den Weg zurück in hochliquide Qualitäts-Assets, wie europäische Aktien finden. Konjunkturell gibt es sogar erfreuliche Meldungen mit dem aktuellen IFO-Index sowie dem Einkaufsmanagerindex der Industrie, der die höchsten Exportorders der letzten 2,5 Jahre auswies. Die Unternehmen des Euroraums sind ohnehin vom Brexit weit weniger betroffen ist als britische Unternehmen, mit Ausnahme der UK-Exportunternehmen, denen das schwache Pfund in die Karten spielen dürfte. Ein Brexit ist auch bei weitem nicht vergleichbar mit der europäischen Staatsschuldenkrise 2012. Insofern ist ein Rückfall in die Rezession für Europa unwahrscheinlich und die derzeitigen Turbulenzen von vorübergehender Natur. Die kurzfristige Investmentstrategie heißt: vorerst Ruhe bewahren und tendenziell antizyklisch handeln.

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