Brexit, Handelskrieg, Haushalt in Italien, Sanktionen gegen Russland. Die Liste der ungeklärten geopolitischen Themen könnte noch beliebig um weitere Punkte fortgeführt werden.

Sie alle eint ein neues Phänomen in der Politik. Probleme werden nicht geklärt, sondern verschoben. Gern auch mit viel medienwirksamen Tamtam. Die Leidtragenden sind die Akteure der Wirtschaft, die Unternehmen, die Arbeitnehmer und Investoren.
Die in diesem Umfeld wachsende Unsicherheit ist sehr ernst zu nehmen. Vermögensverwalter suchen daher den ständigen Dialog mit ihren Mandanten. Deren individuelles Chance-Risiko-Profil sollte zu jeder Zeit klar definiert sein. Hierzu gehört auch ein Austausch über die emotionale „Stressfähigkeit“ in Bezug auf das Vermögen.
Auf analytischer Ebene sollten die verschiedenen Situationen an den Märkten genau und rational beobachtet werden, um emotional getriebene Überreaktionen nach oben wie nach unten vernünftig einordnen zu können. Panik oder Angst sind schlechte Ratgeber, tauchen in der Natur des Menschen jedoch ganz natürlich immer mal wieder auf.

Wie viel Risiko darf es sein?

Ein Mandant darf damit nicht allein gelassen werden. Es liegt in der Verantwortung eines Vermögensverwalters, das direkte Gespräch zu suchen und fundiert dem Anleger die Angst oder Panik zu nehmen. Am wichtigsten ist dabei das Wissen über sich selbst. Was möchte ich mit meinem Vermögen erreichen und welche (geopolitischen) Risiken bin ich bereit dafür einzugehen? Sobald man sich ausführlich mit diesen Fragen auseinandergesetzt hat, ergeben sich die weiteren Schritte und Anlagemöglichkeiten.

Schwebezustand mit Folgen

Beispiel Handelsstreit. Spätestens seit Sonntag dem 05.05.2019 ist dieser zurück auf der globalen Bühne der geopolitischen Krisenherde und steht dort im Rampenlicht.
Mit nur wenigen Worten wurden über einen Tweet von US-Präsident Donald Trump die Börsen auf Talfahrt geschickt. Seitdem hängen die Börsen einmal mehr an den Lippen des Präsidenten. Das zeigt sich in einer deutlich erhöhten Volatilität.
Die gegenseitigen Androhungen weitere Zölle einzuführen bzw. zu erhöhen führen zu Unsicherheit bei den Marktteilnehmern, welche die Auswirkungen auf die Unternehmen der Wirtschaft unter diesen Bedingungen nicht robust prognostizieren können. Die jeweiligen Hauptakteure geben den Märkten jedoch nur „Brotkrümel“ an Informationen und vertagen Entscheidungen seit geraumer Zeit stets weiter und weiter.

Beispiel Brexit. Das Szenario liest sich so: Knapp zwei Jahre nach dem Referendum der Briten über den Austritt aus der EU sind wir auch nach den letzten zahlreichen Abstimmungen im britischen Parlament keinen Schritt weiter. Vorhandener Deal: Nein. Harter Brexit: Auch nicht. Ergebnis: Problem verschieben. Dieser schwebende Zustand bringt alles andere als Sicherheit in die Wirtschaft, die bereits die Konsequenzen spürt. So hat Dyson seinen Firmensitz nach Singapur verlegt. Airbus-CEO Enders sowie der US-Autobauer Ford drohen mit einem Rückzug aus Großbritannien. Der japanische Konkurrent Honda hat die Schließung des einzigen europäischen Fertigungswerks in Swindon (UK) beschlossen.
Viele weitere Unternehmen müssen ihre komplette Supply Chain überdenken. Schließlich reicht ein einziger Berührungspunkt innerhalb der Fertigungskette mit Großbritannien, um bei einem ungeregelten Austritt für enorme Kosten zu sorgen. Ohne ein Abkommen wird Großbritannien zu einem wirtschaftlichen „Drittland“. Hohe Zölle oder die Nicht-Einhaltung einfacher EU-Standards wie der CE-Kennzeichnung für elektronische Geräte wären die Folge.

Wie kann man Angst vor dem Handelsstreit oder dem Brexit bannen?

Wer keinerlei (messbare) Verbindung seines Vermögens mit den großen Themen wie Handelsstreit oder Brexit wünscht, muss sein Anlageuniversum entsprechend eingrenzen. Ein Ausschluss der stark vom Handel betroffenen Firmen in den USA oder China, britischen Unternehmen & Staatsanleihen oder des britischen Pfunds selbst wären die einfachste Folge. Die Analyse, welches Unternehmen indirekt starke Verflechtungen nach China oder Großbritannien hat, zum Beispiel im Rahmen der Herstellungskette oder als wichtigen Abnehmer, ist da schon komplexer.
Grundsätzlich ist eine gesunde Diversifikation in Zeiten von zum Teil extremen Reaktionen nach Tweets und (Unternehmens-)Nachrichten ratsam. Ein Blick auf die Sensitivität des eigenen Portfolios im Verhältnis zum Gesamtmarkt hilft zudem bei der Steuerung des Chance-Risiko-Profils im Depot. Ein konsequentes Risikomanagement gemäß der individuell gesteckten Parameter (Beta, Volatilität, Value-at-Risk) sollte vor größeren Unwägbarkeiten bereits zu einer Anpassung der Portfolioallokation führen. Als Vermögensverwalter spielt man zudem verschiedene Szenarien durch, um flexibel auf neue Entwicklungen reagieren zu können. Eine entscheidende Rolle spielt dabei z.B. die Erwartung an die Pfund-Entwicklung, die ein guter Indikator für die Unsicherheit im Markt bezüglich des Brexit ist.

Emotionen messbar machen

Die Unsicherheit selbst ist als Emotion sicherlich stark psychologischer Natur. Wie man mit Emotionen am Kapitalmarkt am besten umgeht, wird im Bereich der Behavioral Finance seit einiger Zeit verstärkt diskutiert. Die Investmentbranche versucht hier intensiv, eine intelligente Lösung zu finden. So gibt es interessante Entwicklungen zu beobachten, mittels Big Data & KI Emotionen am Markt messbar und interpretierbar zu machen.

Indikatoren für die Stimmung

Die aktuelle Stimmung am Markt sowie die Relevanz der akuten Berichterstattung zu einem konkreten Thema wird über das jeweilige „Sentiment“ bzw. den „Buzz“ analysiert und gibt dem Anleger eine Hilfe zur Interpretation der momentanen Emotion am Markt an die Hand. So messen verschiedene Institute mit regelmäßigen Umfragen und Datenanalyse aktueller Berichterstattungen in den Medien und sozialen Netzwerken das Sentiment, die Stimmung unter den Anlegern. Mit Hilfe der historischen Datenbasis kann dann eine Interpretation erfolgen, ob es sich bei dem gemessenen Wert um eine Übertreibung handelt oder nicht.

Analyse der Nachrichtenlage

Eine Gewichtung der aktuellen Nachrichtenlage erfolgt über den „Buzz“. Dieser misst, wie häufig über ein bestimmtes Thema oder Unternehmen in der Branche diskutiert wird und vergleicht dies mit dem zugehörigen Durchschnitt. Entsprechende Szenarien oder Handlungsempfehlungen sind das Resultat bei der Analyse der Kombination beider Faktoren. Eine möglichst lange Datenhistorie des Anbieters solcher Daten ist hierbei der Schlüssel zum Erfolg.

Emotionale Schocks können auftreten

Fazit: In Zeiten mit stark populistisch geführten Nationen und einer Kommunikationspolitik der Regierungen über soziale Netzwerke sind emotionale Schocks nie ganz auszuschließen. Mensch wie Maschine lernen jedoch von Tag zu Tag, einen Weg zu finden, mit dem man der Unsicherheit am Markt begegnen kann. Letzten Endes ist Unsicherheit ein sehr individuelles Thema. Das Wissen über die eigene Stressfähigkeit und der Austausch dazu sind essentiell. Ein Vermögensverwalter kann daraufhin ein spezifisches Risikomodell erstellen und konsequent verfolgen.

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